Es gibt immer wieder Tage, an denen ich alles anzweifle. Und dann merke ich glücklicherweise irgendwann, dass ich gar nicht alles anzweifle, denn es gibt da noch etwas, an das ich glaube: mich.
Sicher stelle ich mich auch in Frage. Zum Beispiel frage ich mich an solchen Tagen, ob ich wirklich die nötigen Eigeschaften habe, um wissenschaftlich intelligente Arbeiten erbingen zu können. Zum Beispiel ist mein mittelfristiges Gedächtnis ziemlich mies. Ob ich intelligent bin, kann ich nicht beurteilen – aber ich bin kreativ und phantasievoll; das wiegt meistens auf. Ich bin ungeheuer gewissenhaft, toll, aber Selbstdisziplin allein macht eben kein Talent aus.
Anderseits halte ich Kreativität auch nur für die Eigenschaft, leicht stukturelle Ähnlichkeiten in sehr verschiedenen Dingen entdecken zu können - selbst dort, wo vielleicht keine Ähnlichkeiten auf den ersten Blick vorliegen. Intelligenz dagegen ist für mich die Eigenschaft, auch in sehr komplexen Strukturen nicht den Überblick zu verlieren – und das ist halt schwierig mit einem so engen mittelfristigen Gedächtnis, dass sich neue Muster langfristig erst durch Redundanz genügend tief in den Sand der Erinnerung einprägen.
Wie sehr ich auch hin und wieder – aufgrund von Rückschlägen – an mir zweifle, bleibt doch neuerdings immer die Gewissheit zurück, dass es nicht meine Aufgabe ist, die Richtigkeit dieser Zweifel zu beurteilen – also scheiß drauf. Was mich immer wieder vorantreibt, ist nicht die Vorstellung, etwas an mir zum Besseren verändern zu können, sondern die Vorstellung, allein schon durch die volle Präsenz mittelmäßiger Eigenschaften Interesse in anderne Menschen hinterlassen zu können. Interesse, Leidenschaft für etwas, und sei es auch nur Interesse für meine Leidenschaftigkeit.
Was mich also immer wieder vorantreibt, ist ein erotisches Verhältnis zur Welt, also ein nicht-platonisches. Letztlich ist mir Geistiges, sind mir Gedanken sowas von schnuppe, dass ich sie abstellen würde, wenn ich könnte. Ich bin mir absolut sicher, dass Gedanken nur der Nebeneffekt unseres materiellen Daseins sind, sozusagen der energetische Nachhall, die elektrische Restspur, welche Materie in ihrem raumzeitlichen Anordnungsvorgängen hinterlässt.
Ein Kuss, eine Berührung hat den körperlichen Effekt einer undefinierten thermonuklearen Explosion im Vergleich zu den nur berechenbaren Schäden, den die sich strategisch artikulierenden Heeresdivisionen geistiger Vernunft hinterlassen können. Ich spreche von den körperlichen Effekten! Synchronisiert Euren Verstand mal eben mit dem Eindruck, den Hitze oder Kälte, Hunger oder Schmerz, oder den ein Pheromon hinterlässt!
Ich bin also ein absolut körperlich zentrierter Mensch. (Auch wenn ich das nicht immer war.) Gespräche mit Männern finde ich überwiegend zu Tode langweilend, von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen, und diese Ausnahmen sind dann entweder von erotischer Natur oder dito, aber mit langer Freundschaft überspielt. Verhältnisse zu Frauen finde ich generell sinnlich (oder wenn nicht, dann total uninteressant), und Gespräche mit Frauen halte ich demzufolge für total überflüssig, weil sich beide Seiten hier noch mehr mit der Ineffizienz begrifflicher Wechselwirkungen herumquälen müssen.
Und das nicht, weil ich frauenfeindlich wäre oder eine menschenverachtende Grundhaltung hätte, sondern im Gegenteil: dahinter steht allein der ursprüngliche Wunsch nach effizienterer Kommunikation.
Nun lässt sich mit einigem Recht behaupten, diese Einstellung sei bloß die Konsequenz, die ich aus einem mir selbst attestierten Mangel an geistigen Fähigkeiten ziehe – dass ich also körperlich zu kompensieren suche, was mir vom Geiste her nicht gelingen will; dass ich mir also ein Motorrad mit über 120 PS für einen als zu klein empfundenen Verstand zulege. Das kann schon stimmen, allerdings fände ich es doch paradox (das hindert psychologisch gesehen nicht, ich weiß), wenn ich mir als Ausweg aus der intellektuellen Krise nur einen körperzentrierten ließe – wo ich doch aus eigener Erfahrung schmerzlich weiß, dass diese Eingleisigkeit böse nach hinten losgehen kann.
Aber vielleicht liegt gerade hier – im erkenntnistheoretischen Materialismus (nicht im ökonomischen) – wirklich ein ganzes Feld neuer Möglichkeiten der Selbstschöpfung offen, weil ich weiß, dass ich mich hier zwar auf unsicheres Terrain begebe (schließlich bin ich ja selbst von den oben beschriebenen unvorhersehbaren körperlichen Effekten betroffen), aber sowohl vermeintlich unübertreffliche Höhenflüge kenne ich hier ebenso wie das (subjektive) Gefühl des absoluten Versagens — so tief fallen kann ich nicht mehr, aber höher geht es wohl durchaus: reifer, selbstbestimmter und realistischer. Intellektuell kann ich mich noch betrügen, körperlich allerdings nicht mehr.
Das hört sich sehr ernst an, ist aber eigentlich sehr lustig. Ich jedenfalls muss herzlich grinsen, wenn ich von mir lese, dass ich Gespräche mit Frauen für total überflüssig halte. Hier nähert sich jemand der Liebe doch tatsächlich von zwei völlig gegenüberliegenden Seiten. Ich glaube nicht, dass eine Seite besser sei als die andere. Und wenn auf der einen Seite der Glaube an die universale Kraft romantischer Liebe steht, dann steht auf der anderen Seite nicht automatisch der desillusionierte Stumpfsinn 'reiner', 'gefühlskalter' Sexualität; darum geht es mir gar nicht. Wie gegensätzlich die Perspektive auch immer ist, letztlich bleibt der Gegenstand doch der gleiche.