"Und wenn sie nicht gestorben sind ..." Die lang ersehnte Fortsetzung

geschrieben von goetterspeise | 6 Nov, 2008

Zur Feier des Tages präsentiere ich an dieser Stelle die fiktive Fortsetzung einer Kult-Erzählung. Wer kommt drauf?

About thirty minutes later, the doorbell rang with its light, almost spheric tone. Rick slept like a baby. Iran took the box, went outside the kitchen, opened, and let the clerk do his work, right there at the door. She did not want to disturb her husband.
The toad was in an acceptable condition, the clerk said, and: "It's one of the old Cyberdyne models, B 155 C, a rare one." She had absolutely no idea what he was talking about, but she made an affirmative noise. She watched as he opened the tiny control panel at the toad's abdomen and obviously shut it down: its legs stopped pedaling immediately. It still looked like a real toad, Iran thought, but the clerk removed the control panel with some of the abdomen plate, and a hole appeared, with colored conductors and several electric components inside. The clerk took pliers and started to exchange some small black elements.
He finally came back, Iran said to herself, and tryed to remember the look of Rick's eyes, standing here in the doorway. What had stunned her, was the relief she had seen in there, the 'coming home'. She did not know how to put it into words, but - it looked authentic, he looked authentic there, like if a decade of years had passed by, and the Rick she came to know had vanished some day, replaced with a machine, with daily routine. She had not noted, when exactly this had happened. Routine it was, what she got used to as well. Does it matter if we're alive, she asked herself? The electric goat, the toad, where was the difference, as long as it all crawled and moved and worked out? Rick seemed to need this toad, it was part of his life, authentic for him as well, no matter how electric or artificial inside.
"That's it", the clerk said, and returned the toad to her. "Take care of its digestion. You may return the digested flies if you like, and obtain a customer bonus. Just call us!"
"Thank you", Iran answered, and watched the slow breathing toad in its box.

Alexi, das gefühllose Arschloch

geschrieben von goetterspeise | 2 Nov, 2007

So eine wie Alexi ist mindestens jeder zehnte in Deutschland, ist alexi-thym, nee, oder hat Alexithymie, ist also unfähig, eigene und fremde Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. Allerdings ist das keine Krankheit, sondern offenbar ein Sozialisationskonstrukt, das - jetzt kommts - "in Deutschland durch Ost-/West-Residenz, fehlende Partnerschaft, konfessionelle Bindung, Arbeitslosigkeit und durch niedrigen sozioökonomischen Status, der stärkste Prädiktor, vorhersagbar" (Wikipedia) ist.

Mutti hat nicht richtig gestillt, der Golfkrieg oder die letzte Beziehung waren einfach zu krass: schwups kappen beide Gehirnhälfte ihre Zusammenarbeit in puncto Emotionsverarbeitung. Heraus kommt der Freund meiner Bekannten, "mit dem man stundenlang über Megapixel und Speicher seiner Digitalkamera fachsimpeln kann, der sich aber nicht an den Fotos erfreut" (DIE ZEIT).

Allerdings können auch erwachsene Gehirne noch eine Menge dazulernen - zumindest, wie sie fehlende Funktionen ersetzen oder überspielen. "Du fragst nie, wie es mir geht, wie es auf der Arbeit war, ob du mir etwas kochen sollst!" Zwei Tage später geht es dann schon: "Wie geht es dir? Wie war es auf der Arbeit? Möchtest du statt Sex mal Kuscheln?".
Aber das reicht ihr nicht: "Das sagst du nur, weil ich es dir gesagt habe!" Ja mein Gott, selbst Tränen-Herauspressen kann man lernen - oder hat zumindest schon als Kleinkind gelernt, mit Tränen zu reagieren in Ausnahmesituationen.

Ob Gefühle authentisch sind oder nicht, wird man nie erfahren. Im Bladerunner gibt es dafür Tests, bei denen die Irisreaktion der Probanden auf mündlich geschilderte, emotional ansprechende Situationen geprüft wird. Replikanten, also androide Arbeiter, die sich zur Erde geflüchtet haben, kann man so ausfindig machen.
Im Falle der Alexithymie wendet man den 1987 (fünf Jahre nach der Bladerunner-Verfilmung) entwickelten LEAS-Test (Levels of Emotional Awareness Scale) an, der bis auf die Irisbeobachtung analog abläuft. Wer das alles (vom Bladerunner abgesehen) nicht glaubt, lese den Artikel "Kein Gefühl nirgens" (DIE ZEIT).

Ich meine, mindestens 10 Prozent unter uns leiden nicht unter Alexithymie, sondern daran, dass sie Replikanten sind, ohne es zu wissen. Der Bladerunner, Rick Deckard, ein Replikantenjäger, hatte da auch so seine Selbstzweifel. Seid Ihr authentisch?

Putzschwämme

geschrieben von goetterspeise | 23 Sep, 2007

Kürzlich träumte mir, mein Mitbewohner würd Putzschwämme einkaufen, und ich war darüber sehr glücklich. (Putzschwämme werden nämlich so schnell Schmutzschwämme bei ihm, dass ich gar nicht hinterherkomme.) Er hatte sie extra in teures, rot und silber quergestreiftes Geschenkpapier getan und mir eine nette Karte dazugeschrieben - dass er sich ändern würde, wie leid es ihm täte und wie sehr er für meine überwiegend alleinige Hausarbeit in unserer Wohnung und meine Freundschaft dankbar sei. Die alten Schwämme konnte ich dann gleich wegschmeißen und tanzte mit den neuen an meiner Brust durch die Küche. Ich war sehr glücklich - habe ich das schon gesagt?

Als ich meinem Mitbewohner am Abend beim Abwaschen von meinem Traum erzählte, lachte er herzlich, aber wollte es mir nicht glauben. Nein, muss ich mir ausgedacht haben. Es war aber so. — Er schaute jetzt etwas verdutzt aus. Zum Glück sei ich mir meiner manipulativen Wirkung auf Menschen nicht bewusst, sagte er dann, denn wenn ich diese gezielt einsetzen würde, würden sie alle nur noch nach meiner Nase tanzen und mir dafür dankbar sein.

Herman, der große Manipulator. "Herman, früher fand ich, Du bist einfach nur total lieb, die Liebenswürdigkeit in Person, und jetzt, jetzt ist mir klar geworden, ich kann nicht mehr ohne Dich leben!" Ja, so ist das. Man muss mich einfach liebhaben. Ein toller Mensch, und dazu das wandelnde Understatement. Und weil ich außerdem noch so liebes- und harmoniebedürftig wirke, bekomme ich alles, was ich will. Ganz viel Eis und Schokolade, Einladungen, Berufsaufstiegschancen und Putzschwäme. Nehmt Euch in Acht; ich könnte die Welt regieren!

Sauerei. Oder: Bemerkenswerte Titel I

geschrieben von goetterspeise | 7 Sep, 2007

R. Seibt: Untersuchungen zur Arbeitsfähigkeit und Vitalität bei jüngeren und älteren Gymnasiallehrern. In: Ergo – medizinische Zeitschrift für angewandte Arbeitsmedizin, Arbeitshygiene und Umweltmedizin, ISSN 0170-2327, 27:5 (2003), S. 138-145

Will man das wissen, wie vital die alten Gymnasiallehrer sind? (Früher sollten sie einem nur was beibringen; heute ist wohl Virilität, nein Vitalität gefragt im Kampf mit schülereigenen Kampfhunden.)

Korrelation oder Kausalität

geschrieben von goetterspeise | 29 Aug, 2007

Eigentlich hatte ich vor, was über die jüngste Reihe bei Telepolis zu berichten, in der neue Neuropsychologische Ergebnisse auf juristische Grundsatzfragen angewandt werden. Aber Ihr kennt mich und mein Blog, das hätte eh gedauert. Zufällig stoße ich eben auf das folgende Zitat von Lichtenberg. Ein anderes Thema zwar, aber ich bin wiedermal beeindruckt. Lichtenberg trifft es auf den Punkt, warum mich Literaturwissenschaft fasziniert, und das, ohne dass es zu seiner Zeit bereits universitäre Kunstwissenschaften gegeben hätte!

Einige Leute wollen das Studieren der Künste lächerlich machen indem sie sagen man schreibe Bücher über Bildchen. Was sind aber unsre Gespräche und unsre Schriften anders als Beschreibungen von Bildchen auf unserer Retina oder falschen Bildchen in unserem Kopf?

Lichtenberg (ca. 1775), in: Promies, D 448

Kinder sind doof

geschrieben von goetterspeise | 17 Aug, 2007

muss sich die Mutter in der S-Bahn gestern gedacht haben, die zuerst 20 Minuten lang ihren Säugling im Kinderwagen schaukelte, streichelte, und dann am Bahnhof Westhafen etwas verwirrt einen Einsteigenden nach der Station fragte. Lehrerin oder Heilpraktikerin hätte ich vermutet; sehr langes Haar, aber wie zu lang geföhnt (oder entodet, oder was auch immer), zerzaust leider. Anfang 40.

Ich versenke mich wieder in ein Band mit Erzählungen von Borges, "Fiktionen", skurril genug. Als ich ein oder zwei Haltestellen später erneut aufschaue, ertönt das Signal zum Schließen der Türen, und die Besagte steht unschlüssig oder nur zu langsam davor, mit dem Kinderwagen vor sich. Sie gibt ihm einen sanften Stoß, und er rollt langsam auf den Bahnsteig. Die Türen schließen sich. Eine Frau mit Kind auf dem Bahnsteig wirkt verdutzt, gestikuliert in Richtung der Mutter, die noch in der Bahn geblieben ist, "hallo", ruft, sie "hallo".

Drinnen schaut die Angesprochene, als hätte sie das Aussteigen verpasst. Naja, nächstes mal. Dann öffnen sich aber die Türen; dem Zugführer kam der herrenlose Kinderwagen wohl doch ein bisschen seltsam vor. Die Mutter steigt aus, nimmt den Wagen erleichtert in die Hand, aber eher so, wie man einen Schirm ergreift, den man im Restaurant zurückgelassen hat. Ach ja, das Kind, immer das Kind.

Ob der mal auftaut

geschrieben von goetterspeise | 8 Aug, 2007

Julie will meinen Kühlschrankinhalt sehen, weil sie bei mir mal Götterspeise mit Wodka bekommen hat. Ich enttäusche Euch nicht und beweise: mein Kühlschrankinneres sieht aus wie das Kühlschrankinnere, das man sich bei einem echten Kerl vorstellt. (Dank an meinen Mitbewohner für das Bier!)

unser Kühlschrank

Quelle Gimmick: die nette Seite schnittberichte.com/

Als ich woanders war, war ich wieder bei mir

geschrieben von goetterspeise | 9 Jul, 2007

Ich war für eine knappe Woche in Leipzig, um mal gar nichts zu tun und rauszukommen aus dem Einerlei, das sich so schnell bildet im eigenen Kopf. (Übrigens: neben der Promotion Umzüge, Jobsuche und ein neuer Job). Julie hat recht, wenn sie sagt, dass Verreisen überbewertet ist. Kein Wunder, bei all der bürgerlichen Reiseliteratur des Okzidents, die seit 1800 herum propagiert, beim Reisen würde man zu sich selbst finden, der Weg sei das Ziel usf. Und jetzt noch unser Sensation-Seeker-Zeitalter, die Kulmination des Bürgerlichen: jeder kann im Prinzip alles; Billigflieger, Weltreisen für lau, Extremsportarten für jederman (Klettern, Gletscherwandern, Paragliden, Wakeboarden). Um die Welt um 80 Tagen!? Oh Gott, geht das nicht schneller? Ich hab doch nur 29 Tage Urlaub! Und ob das geht.
Wenn man da sagt, man bleibt lieber zu Haus, dann sieht man schnell komisch aus. Wozu zu Haus bleiben, ist doch öde?

Mal rauskommen, sich selbst in einer anderen Umgebung kennenlernen, wo man nicht in festgefahrenen Rastern gesehen wird und weniger in solchen sieht - meine erste Freundin hatte ich noch gewarnt vor diesem Irrtum: Du nimmst Dich selbst mit, also kommst Du an Dir auch nicht vorbei! Und jetzt mache ichs ähnlich.
Und das seltsame: es klappt sofort. Sobald ich in einer anderen Umgebung bin, entspanne ich mich und kann alle Sorgen vergessen. Und zurück sind sie schneller wieder da, als ich den Rucksack fallen lassen kann.

Alles nur im Kopf also, wiedermal. Ob man da verreist oder nicht, ist eigentlich egal. Paradies muss man sein oder sich im Kopf gestalten können, jederzeit. Dann ist es da, das Paradies auf Erden, das man irrtümlich in weiter Ferne gesucht hat, im Orient, oder hinter den Bergen. War das nicht das eigentliche Fazit sämtlicher Reiseliteratur? Wenn es um die andere Perspektive geht, die kommt letztlich wirklich aus einem selbst. Den Blick für den kleinen Schrebergarten um die Ecke, für ein Wolkenbild, für das Spiel der Blätter.

Trotzdem bringt mich jede Reise immer weiter. Sooo viel Zeit für sich selbst, die nehm ich mir sonst nicht. Reisen ist echte Freiheit, ist Autonomie, kurz aus allen Zwängen befreit. Allein dass ich das für zu Hause mitnehmen kann, hat es schon gelohnt. Wer das für sich daheim hinbekommt, ist ein Zen-Meister. Wo auch immer ich aber den Blick für den Augenblick wieder draufkriege - fällt er dann noch auf eine besonders schöne Gegend: umso besser.

Wauwau

geschrieben von goetterspeise | 21 Jun, 2007

So ein Mist. Julie wirft ein Stöckchen von Anne weiter, und alle kommen als Hunde zurück.
Wieso Mist? Nun ja, ich bin allerdings überrascht über das Ergebnis dieses Tests.

Kein Zweifel – Sie sind ein energiegeladener und treuer Chihuahua.

Zu Ihnen passt der Spruch „klein aber oho!". Manchmal sind die besten und schönsten Dinge des Lebens eben klein. Denken Sie nur an Diamanten, Autoschlüssel oder Trüffel. Sie sind ehrlich und direkt. Sie sagen stets, was Sie denken, besonders, wenn es darum geht, die eigene Meinung zu vertreten. Ihre Art, sich für Dinge zu begeistern, hat allerdings auch ihre Nachteile. Von Zeit zu Zeit sind Sie launisch. Außerdem ist es für manche Leute nicht leicht, Ihnen immer alles recht zu machen. Haben Sie aber erst einmal mit jemandem angefreundet, ist es eine Freundschaft fürs Leben. Ihr Witz und Charme und Ihre unbedingte Loyalität machen Sie zu einem großartigen Gefährten. Wuff!

Und ich wollte doch lieber ein schottischer Terrier sein wie Björn.

Fuck the system

geschrieben von goetterspeise | 16 Jun, 2007

Ausschalten sagte Björn Grau(brot) neulich, würde er gerne langsam mal ein paar Dinge, die von ihm erwartet werden, zu denen er aber grad keine Lust verspüre.

Bei mir war in den letzten Wochen immer mal wieder ein spezifisches Gefühl da, vor allem bei engen Freunden: als hätte ich eigentlich nur die Wahl, ihren Erwartungen entweder zu entsprechen oder mich für deren Nichterfüllung rechtfertigen zu müssen. Und ich sage Euch, da scheiß ich drauf. Ich bin nicht Stiller.

Stellt Euch vor, in einem fiktiven Text blättert ihr um, es kommt ein neues Kapitel, und offenbar ist im Zwischenraum einige Zeit vergangen. Passiert ja öfter mal. Und nun stellt Euch das einfach mal vor nach jedem Satz.

Gaga gugu. Da. da. Es krirzt in Schmuschelwatz, es krirzt, verdammt nochmal! Aber Spaß beiseite. Peilt doch endlich, dass die Reiszwecke mit meiner Schwester verreist. Wenn irgendwo steht, dass ein komplexer, wissenschaftlicher Text langsam mit Brühe aufgegossen werden muss, um dann bei kleiner Flamme um den Mond zu fliegen, oder der Hund geht nicht! Was Ihr unter meinem Ich versteht, hat mein Haustier gefressen. Der . spielt Ball. spielt , oder Komma?

Dinge, die man lieber lassen sollte (I)

geschrieben von goetterspeise | 15 Jun, 2007

Anstatt sich per Mail an einen Freund über einen Dritten auszulassen, diese Mail flüchtigerweise an den Dritten selbst zu schicken statt an den Freund.

Ich Depp verdammter! Falls das gut geht, erfahrt Ihrs hier.

Nachtrag: Zu meinen Meinungen steh ich gern. In diesem Fall handelt es sich allerdings um den neuen Typen einer Freundin; und dem jungen (Un-)Glück will ich ja nicht vorneherein schon alle Chancen absprechen.
Zumindest fand ich das immer scheiße, wenn Freunde meinten, mir meinen Partner schlechtreden zu müssen, solange ich ihm zunächst eine Chance geben wollte.

Es geht übrigens trotzdem gut, wies scheint.

Ich habe die Kraft

geschrieben von goetterspeise | 7 Jun, 2007

Wehe, einer lacht!

Wunderbare Geheimkräfte erschlossen sich mir, als ich eines Tages mein 'Zauberschwert' ausstreckte und sagte: Bei der Macht von Greyscull! Ich habe die Kraft! (Komische Geräusche). Ich wurde He-Man, der mächtigste Mann des Universums.

Strato-Cumulus über Berlin

geschrieben von goetterspeise | 2 Jun, 2007

Was macht man mit einem Tag, an dem der Himmel so dick und tief bewölkt ist, dass man keine große Lust zum Hinausgehen hat? An dem man bis zum Abend Zeit haben wird, weil davor nichts mehr ansteht? An dem der Kollege offenbar nicht mehr zu nerven geneigt scheint und der Posteingang in Thunderbird daher erstmal verschont bleibt? An dem auch kein gemütliches Beisammensein mit Lieblingsmitbewohnerin aufkommen kann, weil sie an einem Schmerz-Lehrgang teilnimmt (aus rein beruflichen, nicht s/m-chistischen Interessen)?

"Früher hat man träumend im Bett gelegen, heute googelt man." Google hab ich nicht angerührt, bin aber nochmals durch die Blogs meiner Liebsten gestöbert. Dann hab ich eine alte Platte ausgekramt, die ich schon vermisst geglaubt hatte. Sie zaubert mir gerade aus alten Spielkonsolesounds einen feinen elektronischen Beatnebel, der durch die Wohnung zieht.

Ich werd mir gleich Brötchen holen und Kaffee kochen, und die Sonne kommt jetzt auch schon raus. Vielleicht sollte ich mal wieder meine schriftstellerischen Ambitionen ausleben und zumindest an den Schnipseln weiterarbeiten, die ich zusammenhabe.

Vielleicht aber auch nicht. Dieses Schreiben hat allein schon gereicht, um das Grau der Straßen mit einem satten Gelb zu fluten. Da hält mich nicht mehr viel hier drinnen.

Opus Magnum

geschrieben von goetterspeise | 25 Mai, 2007

Ich liebe die Minuten vor einem Gewitter. Die Luft wird gleichsam trocken und schwer, drückt zu Boden, das Licht geht zurück, der Theatersaal der Welt wird plötzlich still und verdunkelt sich. In diesen Momenten scheint es, als hielte jeder und alles den Atem an. Und jedesmal ist es erneut, als könne die Welt sich nicht ganz entscheiden zwischen Vorfreude und Furcht vor dem plötzlichen und gewaltigen Etwas, das da kommen wird.

Es ist still, selbst der Wind hält seinem Atem zurück, die Vögel zwitschern nicht mehr, und sollte man doch einen von ihnen entdecken, dann lukt er nur kurz blitzend herum, das schwarze Rabenhaupt, Aug in Auge mit dir, und du spürst, dass er wissend und verbunden ist mit dem dunklen Fluch, der da aufzieht, dann ist er weg und war nie da.

Bis es dann losgeht. Der Vorhang reißt auf oder war im Dunkeln schon unbemerkt zur Seite gefahren, und der Blick in die tiefenlose Schwärze fällt mit ihm in das infernale Höllenspektakel, das sich jetzt auftut. Welt und Wind und Wasser sind nicht mehr getrennt, sind oben und unten zugleich in Licht und Dunkelheit, zerren und prallen aneinander, so dass Blitz und Donner Bilder in der Dunkelheit erbeben lassen, den Ursprung der Erde zurückholend, den Anfang der Welt, das Chaos.

Ich stehe am offenen Fenster über dem wolkenschwarzen Horizont und lasse den athmosphärischen Strom durch mich hindurch fließen. Nichts bin ich und doch alles, und wenn du bei mir bist, sind wir die Herren dieses Moments, sind die Hexenmeister, Sulphur und Mercurius, die das Pentagramm ihrer Kräfte in den schwälenden Äther ziehen, und die Dämonen rufen, die dort donnern und flammen zu unserer chymischen Hochzeit, zu dem Rasen unserer Zärtlichkeit.
Und zugleich sind wir nichts als der Wille der Welt, folgen ihren Gesetzen, die da wütet und sich selbst verschlingt aus purer Lust an sich selbst, du liegst in meinen und ich in deinen Armen, und ich weiß nicht, ob es meine Küsse sind oder deine, weiß nichts, bin.

Durch die Wolken bricht ein zartes Rot, als der Regen aufhört, Zeit und der Raum kehren zurück und sammeln sich wieder, strukturieren die Welt. Zurück bleibt der Lapis philosophorum, der nun an der Stelle meines Herzenz schlägt. Es duftet, und ich schließe das Fenster.

Der Drive (Gedanken sind mir schnuppe)

geschrieben von goetterspeise | 20 Mai, 2007

Es gibt immer wieder Tage, an denen ich alles anzweifle. Und dann merke ich glücklicherweise irgendwann, dass ich gar nicht alles anzweifle, denn es gibt da noch etwas, an das ich glaube: mich.
Sicher stelle ich mich auch in Frage. Zum Beispiel frage ich mich an solchen Tagen, ob ich wirklich die nötigen Eigeschaften habe, um wissenschaftlich intelligente Arbeiten erbingen zu können. Zum Beispiel ist mein mittelfristiges Gedächtnis ziemlich mies. Ob ich intelligent bin, kann ich nicht beurteilen – aber ich bin kreativ und phantasievoll; das wiegt meistens auf. Ich bin ungeheuer gewissenhaft, toll, aber Selbstdisziplin allein macht eben kein Talent aus.
Anderseits halte ich Kreativität auch nur für die Eigenschaft, leicht stukturelle Ähnlichkeiten in sehr verschiedenen Dingen entdecken zu können - selbst dort, wo vielleicht keine Ähnlichkeiten auf den ersten Blick vorliegen. Intelligenz dagegen ist für mich die Eigenschaft, auch in sehr komplexen Strukturen nicht den Überblick zu verlieren – und das ist halt schwierig mit einem so engen mittelfristigen Gedächtnis, dass sich neue Muster langfristig erst durch Redundanz genügend tief in den Sand der Erinnerung einprägen.

Wie sehr ich auch hin und wieder – aufgrund von Rückschlägen – an mir zweifle, bleibt doch neuerdings immer die Gewissheit zurück, dass es nicht meine Aufgabe ist, die Richtigkeit dieser Zweifel zu beurteilen – also scheiß drauf. Was mich immer wieder vorantreibt, ist nicht die Vorstellung, etwas an mir zum Besseren verändern zu können, sondern die Vorstellung, allein schon durch die volle Präsenz mittelmäßiger Eigenschaften Interesse in anderne Menschen hinterlassen zu können. Interesse, Leidenschaft für etwas, und sei es auch nur Interesse für meine Leidenschaftigkeit.

Was mich also immer wieder vorantreibt, ist ein erotisches Verhältnis zur Welt, also ein nicht-platonisches. Letztlich ist mir Geistiges, sind mir Gedanken sowas von schnuppe, dass ich sie abstellen würde, wenn ich könnte. Ich bin mir absolut sicher, dass Gedanken nur der Nebeneffekt unseres materiellen Daseins sind, sozusagen der energetische Nachhall, die elektrische Restspur, welche Materie in ihrem raumzeitlichen Anordnungsvorgängen hinterlässt.
Ein Kuss, eine Berührung hat den körperlichen Effekt einer undefinierten thermonuklearen Explosion im Vergleich zu den nur berechenbaren Schäden, den die sich strategisch artikulierenden Heeresdivisionen geistiger Vernunft hinterlassen können. Ich spreche von den körperlichen Effekten! Synchronisiert Euren Verstand mal eben mit dem Eindruck, den Hitze oder Kälte, Hunger oder Schmerz, oder den ein Pheromon hinterlässt!

Ich bin also ein absolut körperlich zentrierter Mensch. (Auch wenn ich das nicht immer war.) Gespräche mit Männern finde ich überwiegend zu Tode langweilend, von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen, und diese Ausnahmen sind dann entweder von erotischer Natur oder dito, aber mit langer Freundschaft überspielt. Verhältnisse zu Frauen finde ich generell sinnlich (oder wenn nicht, dann total uninteressant), und Gespräche mit Frauen halte ich demzufolge für total überflüssig, weil sich beide Seiten hier noch mehr mit der Ineffizienz begrifflicher Wechselwirkungen herumquälen müssen.
Und das nicht, weil ich frauenfeindlich wäre oder eine menschenverachtende Grundhaltung hätte, sondern im Gegenteil: dahinter steht allein der ursprüngliche Wunsch nach effizienterer Kommunikation.

Nun lässt sich mit einigem Recht behaupten, diese Einstellung sei bloß die Konsequenz, die ich aus einem mir selbst attestierten Mangel an geistigen Fähigkeiten ziehe – dass ich also körperlich zu kompensieren suche, was mir vom Geiste her nicht gelingen will; dass ich mir also ein Motorrad mit über 120 PS für einen als zu klein empfundenen Verstand zulege. Das kann schon stimmen, allerdings fände ich es doch paradox (das hindert psychologisch gesehen nicht, ich weiß), wenn ich mir als Ausweg aus der intellektuellen Krise nur einen körperzentrierten ließe – wo ich doch aus eigener Erfahrung schmerzlich weiß, dass diese Eingleisigkeit böse nach hinten losgehen kann.

Aber vielleicht liegt gerade hier – im erkenntnistheoretischen Materialismus (nicht im ökonomischen) – wirklich ein ganzes Feld neuer Möglichkeiten der Selbstschöpfung offen, weil ich weiß, dass ich mich hier zwar auf unsicheres Terrain begebe (schließlich bin ich ja selbst von den oben beschriebenen unvorhersehbaren körperlichen Effekten betroffen), aber sowohl vermeintlich unübertreffliche Höhenflüge kenne ich hier ebenso wie das (subjektive) Gefühl des absoluten Versagens — so tief fallen kann ich nicht mehr, aber höher geht es wohl durchaus: reifer, selbstbestimmter und realistischer. Intellektuell kann ich mich noch betrügen, körperlich allerdings nicht mehr.

Das hört sich sehr ernst an, ist aber eigentlich sehr lustig. Ich jedenfalls muss herzlich grinsen, wenn ich von mir lese, dass ich Gespräche mit Frauen für total überflüssig halte. Hier nähert sich jemand der Liebe doch tatsächlich von zwei völlig gegenüberliegenden Seiten. Ich glaube nicht, dass eine Seite besser sei als die andere. Und wenn auf der einen Seite der Glaube an die universale Kraft romantischer Liebe steht, dann steht auf der anderen Seite nicht automatisch der desillusionierte Stumpfsinn 'reiner', 'gefühlskalter' Sexualität; darum geht es mir gar nicht. Wie gegensätzlich die Perspektive auch immer ist, letztlich bleibt der Gegenstand doch der gleiche.