Als ich woanders war, war ich wieder bei mir
geschrieben von goetterspeise | 9 Jul, 2007Ich war für eine knappe Woche in Leipzig, um mal gar nichts zu tun und rauszukommen aus dem Einerlei, das sich so schnell bildet im eigenen Kopf. (Übrigens: neben der Promotion Umzüge, Jobsuche und ein neuer Job). Julie hat recht, wenn sie sagt, dass Verreisen überbewertet ist. Kein Wunder, bei all der bürgerlichen Reiseliteratur des Okzidents, die seit 1800 herum propagiert, beim Reisen würde man zu sich selbst finden, der Weg sei das Ziel usf. Und jetzt noch unser Sensation-Seeker-Zeitalter, die Kulmination des Bürgerlichen: jeder kann im Prinzip alles; Billigflieger, Weltreisen für lau, Extremsportarten für jederman (Klettern, Gletscherwandern, Paragliden, Wakeboarden). Um die Welt um 80 Tagen!? Oh Gott, geht das nicht schneller? Ich hab doch nur 29 Tage Urlaub! Und ob das geht.
Wenn man da sagt, man bleibt lieber zu Haus, dann sieht man schnell komisch aus. Wozu zu Haus bleiben, ist doch öde?
Mal rauskommen, sich selbst in einer anderen Umgebung kennenlernen, wo man nicht in festgefahrenen Rastern gesehen wird und weniger in solchen sieht - meine erste Freundin hatte ich noch gewarnt vor diesem Irrtum: Du nimmst Dich selbst mit, also kommst Du an Dir auch nicht vorbei! Und jetzt mache ichs ähnlich.
Und das seltsame: es klappt sofort. Sobald ich in einer anderen Umgebung bin, entspanne ich mich und kann alle Sorgen vergessen. Und zurück sind sie schneller wieder da, als ich den Rucksack fallen lassen kann.
Alles nur im Kopf also, wiedermal. Ob man da verreist oder nicht, ist eigentlich egal. Paradies muss man sein oder sich im Kopf gestalten können, jederzeit. Dann ist es da, das Paradies auf Erden, das man irrtümlich in weiter Ferne gesucht hat, im Orient, oder hinter den Bergen. War das nicht das eigentliche Fazit sämtlicher Reiseliteratur? Wenn es um die andere Perspektive geht, die kommt letztlich wirklich aus einem selbst. Den Blick für den kleinen Schrebergarten um die Ecke, für ein Wolkenbild, für das Spiel der Blätter.
Trotzdem bringt mich jede Reise immer weiter. Sooo viel Zeit für sich selbst, die nehm ich mir sonst nicht. Reisen ist echte Freiheit, ist Autonomie, kurz aus allen Zwängen befreit. Allein dass ich das für zu Hause mitnehmen kann, hat es schon gelohnt. Wer das für sich daheim hinbekommt, ist ein Zen-Meister. Wo auch immer ich aber den Blick für den Augenblick wieder draufkriege - fällt er dann noch auf eine besonders schöne Gegend: umso besser.