Opus Magnum
geschrieben von goetterspeise | 25 Mai, 2007Ich liebe die Minuten vor einem Gewitter. Die Luft wird gleichsam trocken und schwer, drückt zu Boden, das Licht geht zurück, der Theatersaal der Welt wird plötzlich still und verdunkelt sich. In diesen Momenten scheint es, als hielte jeder und alles den Atem an. Und jedesmal ist es erneut, als könne die Welt sich nicht ganz entscheiden zwischen Vorfreude und Furcht vor dem plötzlichen und gewaltigen Etwas, das da kommen wird.
Es ist still, selbst der Wind hält seinem Atem zurück, die Vögel zwitschern nicht mehr, und sollte man doch einen von ihnen entdecken, dann lukt er nur kurz blitzend herum, das schwarze Rabenhaupt, Aug in Auge mit dir, und du spürst, dass er wissend und verbunden ist mit dem dunklen Fluch, der da aufzieht, dann ist er weg und war nie da.
Bis es dann losgeht. Der Vorhang reißt auf oder war im Dunkeln schon unbemerkt zur Seite gefahren, und der Blick in die tiefenlose Schwärze fällt mit ihm in das infernale Höllenspektakel, das sich jetzt auftut. Welt und Wind und Wasser sind nicht mehr getrennt, sind oben und unten zugleich in Licht und Dunkelheit, zerren und prallen aneinander, so dass Blitz und Donner Bilder in der Dunkelheit erbeben lassen, den Ursprung der Erde zurückholend, den Anfang der Welt, das Chaos.
Ich stehe am offenen Fenster über dem wolkenschwarzen Horizont und lasse den athmosphärischen Strom durch mich hindurch fließen. Nichts bin ich und doch alles, und wenn du bei mir bist, sind wir die Herren dieses Moments, sind die Hexenmeister, Sulphur und Mercurius, die das Pentagramm ihrer Kräfte in den schwälenden Äther ziehen, und die Dämonen rufen, die dort donnern und flammen zu unserer chymischen Hochzeit, zu dem Rasen unserer Zärtlichkeit.
Und zugleich sind wir nichts als der Wille der Welt, folgen ihren Gesetzen, die da wütet und sich selbst verschlingt aus purer Lust an sich selbst, du liegst in meinen und ich in deinen Armen, und ich weiß nicht, ob es meine Küsse sind oder deine, weiß nichts, bin.
Durch die Wolken bricht ein zartes Rot, als der Regen aufhört, Zeit und der Raum kehren zurück und sammeln sich wieder, strukturieren die Welt. Zurück bleibt der Lapis philosophorum, der nun an der Stelle meines Herzenz schlägt. Es duftet, und ich schließe das Fenster.
opus magnum, richtig!
geschrieben von Julie Paradise am 26 Mai 2007, 17:11