Alexi, das gefühllose Arschloch
geschrieben von goetterspeise | 2 Nov, 2007So eine wie Alexi ist mindestens jeder zehnte in Deutschland, ist alexi-thym, nee, oder hat Alexithymie, ist also unfähig, eigene und fremde Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. Allerdings ist das keine Krankheit, sondern offenbar ein Sozialisationskonstrukt, das - jetzt kommts - "in Deutschland durch Ost-/West-Residenz, fehlende Partnerschaft, konfessionelle Bindung, Arbeitslosigkeit und durch niedrigen sozioökonomischen Status, der stärkste Prädiktor, vorhersagbar" (Wikipedia) ist.
Mutti hat nicht richtig gestillt, der Golfkrieg oder die letzte Beziehung waren einfach zu krass: schwups kappen beide Gehirnhälfte ihre Zusammenarbeit in puncto Emotionsverarbeitung. Heraus kommt der Freund meiner Bekannten, "mit dem man stundenlang über Megapixel und Speicher seiner Digitalkamera fachsimpeln kann, der sich aber nicht an den Fotos erfreut" (DIE ZEIT).
Allerdings können auch erwachsene Gehirne noch eine Menge dazulernen - zumindest, wie sie fehlende Funktionen ersetzen oder überspielen. "Du fragst nie, wie es mir geht, wie es auf der Arbeit war, ob du mir etwas kochen sollst!" Zwei Tage später geht es dann schon: "Wie geht es dir? Wie war es auf der Arbeit? Möchtest du statt Sex mal Kuscheln?".
Aber das reicht ihr nicht: "Das sagst du nur, weil ich es dir gesagt habe!" Ja mein Gott, selbst Tränen-Herauspressen kann man lernen - oder hat zumindest schon als Kleinkind gelernt, mit Tränen zu reagieren in Ausnahmesituationen.
Ob Gefühle authentisch sind oder nicht, wird man nie erfahren. Im Bladerunner gibt es dafür Tests, bei denen die Irisreaktion der Probanden auf mündlich geschilderte, emotional ansprechende Situationen geprüft wird. Replikanten, also androide Arbeiter, die sich zur Erde geflüchtet haben, kann man so ausfindig machen.
Im Falle der Alexithymie wendet man den 1987 (fünf Jahre nach der Bladerunner-Verfilmung) entwickelten LEAS-Test (Levels of Emotional Awareness Scale) an, der bis auf die Irisbeobachtung analog abläuft. Wer das alles (vom Bladerunner abgesehen) nicht glaubt, lese den Artikel "Kein Gefühl nirgens" (DIE ZEIT).
Ich meine, mindestens 10 Prozent unter uns leiden nicht unter Alexithymie, sondern daran, dass sie Replikanten sind, ohne es zu wissen. Der Bladerunner, Rick Deckard, ein Replikantenjäger, hatte da auch so seine Selbstzweifel. Seid Ihr authentisch?
Also mittlerweile würde mir echt was fehlen, wenn ich diese Seite aufrufen würde und dort NICHT "Alexi, das gefühllose Arschloch" stehen würde...:)
geschrieben von carofee am 03 Mär 2008, 14:22